1981 - Mehr Sein als Schein

Das kleine Hotel in La Miouze

 

 

Es war das einzige Hotel in La Miouze und wir hatten keine Wahl. Wie eine Absteige und nicht sehr vertrauenerweckend sah es aus, das Gebäude, in dem sich die letzte Herberge auf unserer Tour 1981 verbergen sollte.

Aber nach 4 Tagen "Wildnis" sehnten wir uns nach Dusche, Bett und gutem Essen auf Stühlen vor gedeckten Tischen und Rotwein aus Gläsern und nicht aus unseren Blechtassen.

Und nun das: ein heruntergekommenes, halb zerfallenes Hotel.  Als wir jedoch die Türe zu dieser "Absteige" öffneten, erwartete uns dort der buchstäbliche rote Teppich. Zugegebenermaßen schon ein wenig abgewetzt, aber immerhin. Die Leute waren freundlich und ein helles Zimmer bekamen wir auch; die Möbilierung bis hin zum Nachttischlämpchen war aus reinstem Jugendstil. Wer hätte das gedacht beim Anblick des Hauses? Das Badezimmer, la salle de bains, war im wahrsten Sinn des Wortes ein Saal und die Badewanne mit den Löwenfüßen mittenddrin; versteht sich von selbst, dass wir zunächst eine Badeorgie veranstalteten, bevor wir uns erfrischt und vom Wanderstaub gereinigt das erste gemütliche Glas Rotwein schmecken ließen.

Nach den Tagen lukullischer Enthaltsamkeit wollten wir mal wieder richtig zulangen und bestellten das 50 FF (ca. 22 DM) Menü. Oh, welche Köstlichkeiten wurden uns da aufgetischt: Zuerst kam eine große Terrine feinster Kartoffelsuppe, dann eine Forelle Müllerin, danach ein hervorragendes Rumpsteak mit Kartoffeln und Salat, an­schließend die obligatorische Käseplatte und zum Schluss eine Eis­schnitte (Vanille-, Erdbeer-, Mangoeis mit Baisers und Sahne). Dazu eine Flasche Rotwein und als Abrundung dieser zweieinhalb­stündigen Schlemmerei genehmigten wir uns einen Kaffee mit Cognac. Wir waren kaum noch fähig, die Treppe zu unserem Zimmer hochzu­steigen.

 

Am Morgen verabschiedeten wir uns von den freundlichen Gastleuten und warteten noch eineinhalb Stunden auf dem Bahnhof auf unseren Zug. Die Zeit wurde uns jedoch nicht lang, denn es gab soviel Interessantes zu beobachten. Da war der Bahnhofsvorsteher, der jedes Mal in sein Dienstzimmer lief und seine Mütze holte, wenn ein Zug kam. Seine Frau mit dem niedlichen Töchterchen spazierte durch den Garten und über den Bahnsteig und dann war da noch der Hund, der seelenruhig über die Gleise lief und das Spielzeug, das vor den Stufen des Dienstzimmers lag. Das alles machte den kleinen Bahnhof gemütlich und liebens­wert.

 

Als wir dann im Zug saßen und die Landschaft an uns vorbeiflog, waren wir fast traurig, diese schöne Gegend verlassen zu müssen. Doch wir freuten uns schon auf die nächste Wanderung, die das Finale unserer Auvergne-Wanderungen werden sollte.

1981 - Bahnhof von La Miouze-Rochefort
1981 - Bahnhof von La Miouze-Rochefort

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